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Modecity2014
kulturorientSeit einigen Jahren sind gut betuchte Touristinnen aus arabischen Ländern immer häufiger zu Gast in München, Paris oder Hamburg. Oft in schwarze Ganzkörperschleier gehüllt, gehen die Damen aus Oman, Katar oder den Emiraten auf Shoppingtour zu den großen europäischen Marken und kehren mit riesigen Tüten der feinsten Adressen wieder. Doch kaufen sie auch die gleiche Unterwäsche wie Frauen aus westlichen Kulturkreisen? Welche Bräuche und Standards herrschen in puncto Unterwäsche überhaupt in den arabischen Ländern? Und wie beeinflussen sich West und Ost in Sachen Bodywear gegenseitig? Unsere Autorin Victoria wollte das genauer wissen.
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Die Luxusboutique Jolya in Paris: Hier shoppen reiche Damen aus dem Orient!

Der Ausgangspunkt: Paris

Ich stehe in Paris in einer dieser eleganten Dessous-Boutiquen. Und fühle mich etwas fehl am Platz. Modeläden schießen in der Hauptstadt des Luxus’ wie Pilze aus dem Boden. Doch dieses Geschäft hier ist der Trüffel unter ihnen. Von außen ziemlich unscheinbar, ein bisschen angekratzt und in gedeckten Tönen gestrichen. Aber drinnen purer Luxus: Rohseide aus Indien, die extra nach Frankreich verschifft und dort verarbeitet wird. Feine Tops aus glänzender, dicker, fließender Faser. Mintgrün, Schneehasenweiß, saftiges Violett. Die Inhaberin führt mir Bademäntel aus Samt vor, nur Unikate, handgenäht. Pinke Schlafshorts aus Seidensatin und Spitze, für mehrere Hundert Euro. Ein maßgeschneidertes, cremefarbenes Hausgewand mit Tüllrüschen und Schleifen. 2000 Euro. Wer kauft sowas? Der Laden verzichtet fast ganz auf Deko, es braucht keine Inszenierung, wo die Ware für sich spricht. Eine lange Robe, die aussieht wie das Interieur eines japanischen Teesalons. „3000 Euro“, wenn sie sich nicht irrt, sagt die Besitzerin. Wer kann sich so etwas leisten? Ein Tüllhemdchen mit Leomuster in Lila, das auf den ersten Blick aussieht, als bekäme man es auch in St. Pauli oder Pigalle, doch das „Made in France“ und die Selektion der Rohstoffe machen den Unterschied. 400 Euro. Wer ist denn so verrückt? Selbst Dessousliebhaberinnen, von denen ich ja nun einige kenne, würden da wohl kurz Schluckauf bekommen, bevor sie das Portemonnaie zücken. Ich frage nach.

#„Reiche Französinnen aus guten, alten Familien haben wir nur noch wenige“, erzählt mir dir Inhaberin. „Der Großteil der Kundinnen kommt aus dem Ausland. Die haben einen Privatchauffeur, gehen vorher zu Vuitton, Heyraud und Chanel und kommen dann für die Unterwäsche hierher.“ Eine Brasilianerin habe neulich Seidenpyjamas anprobiert und ein Modell, das sie „bonitinho, bonitinho“ fand, gleich in allen Farben nachbestellt. Außerdem, erzählt mir die Chefin, komme ein ganz großer Teil Frauen aus arabischen Ländern. Vollverschleiert mit persönlichem Shopping-Assistant. Ich stutze. Schwarzer Schleier, aber pinke Panties drunter? Das scheint auf den ersten Blick nicht zusammenzupassen. Klar kennt man das arabische Sugaring – als Trend nicht zuletzt befeuert durch reichlich ästhetisierte Filme wie „Caramel“.

Und natürlich ahnt man, dass Familien aus den Emiraten, die in Europa auf Shoppingtour gehen, nicht in Kategorien von 29,95€ denken müssen. Doch Attribute, die einem auch in den Kopf kommen, wenn man Damen im schweren Tschador durch die Pariser Straßen wandeln sieht, sind: züchtig, nicht obszön, zurückhaltend, anständig, nicht aufreizend. Diese Frauen sind Kundinnen von Boutiquen, in denen es nur um das Eine geht: sich auszuziehen? „Klar“, erklärt mir die Inhaberin, „das ist für meine arabischen Kundinnen die einzige Möglichkeit, Individualität, Geschmack und Reichtum zu zeigen. Tagsüber geht das nicht. Aber was der Ehemann oder die Freundin in den privaten Gemächern zu sehen bekommen, soll nur vom Feinsten sein.“

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Reine Seide, feinste Spitze, hochwertige Stickerei: In der Pariser Boutique Jolya reiht sich das Beste auf der Stange, was die Wäschewelt zu bieten hat.

Arabische Jet-Set-Touristen zu Zehntausenden in Europa

Das erklärt einiges, doch lässt es mich mit noch mehr Fragen zurück: Ist das wirklich so, wie es mir die Boutiquenbesitzerin beschrieben hat oder schließt sie da von einer Handvoll sehr spezieller Luxuskundinnen auf die Allgemeinheit? Bestehen wirklich solche Unterschiede zwischen arabischen und europäischen Frauen? Oder trügt uns nur unser orientalistisch geprägter Blick, der von dem, was die Araberin anzieht, zugleich abgeschreckt und angezogen ist? Und was lässt sich am Handel und an Marketingstrategien über den Umgang mit Unterwäsche in dieser Kultur ablesen? Ich will mehr darüber wissen.

Glaubt man der Presse, die mit „Frau Scheich auf Shoppingtour“ geht, so suchen Kundinnen aus Katar, Bahrain und Kuweit vor allem auffällige Luxusaccessoires, die glitzern und glänzen und für europäische Augen wenig bescheiden wirken. Doch ob ganz in schwarzem Gewand oder mit gut sichtbarer Dior-Tasche und Rolex am Handgelenk – Fakt ist, dass europäische Großstädte, allen voran München, Frankfurt und Paris, seit einigen Jahren einen Tourismusboom aus arabischen Ländern erfahren. Im Sommer bieten diese Orte angenehmere Temperaturen als die Heimatländer der Gäste. Noch dazu spezialisierte Ärzte und Schönheitschirurgen, Unterhaltungsprogramm für die Kinder, große Hotels und Einkaufsstraßen, an denen sich Label an Label reiht. Rund 30.000 Besucher pro Jahr zieht so zum Beispiel allein München aus der Golfregion an. Nur logisch, dass sich da auch die Airlines mit Direktflügen anpassen, Hotels ganze Etagen für die betuchten Familien reservieren. Und Geschäfte entsprechend ausgebildetes Personal anheuern, das die Muttersprache der potenten Käufer spricht. So jemand kann mir bestimmt mehr erzählen. Ich suche einen Personal Shopper, der sich mit arabischen Frauen auskennt. Und finde Léonie.

Elle MacPherson
Orient trifft Okzident: die Kollektion von Elle MacPherson ist orientalisch inspiriert.

Von normalen Frauen und geheimen Gemächern

Léonie Rey, 23, wohnt zur Zeit in London und war zuvor anderthalb Jahre lang als Personal Shopperin für arabische Familien vor allem in München und Frankfurt tätig. Sie spricht fließend Arabisch, hat länger im Maghreb gelebt, kennt aber auch die Wünsche der Kunden von der Arabischen Halbinsel genau.

Ihr ist wichtig, mit dem Mythos aufzuräumen, arabische Frauen trügen entweder einen Hauch von nichts oder nur die unmöglichsten Omafetzen unter ihren Gewändern. „Die Leute phantasieren sich viel zusammen“, sagt sie. Arabische Frauen seien unter dem Schleier so normal angezogen wie andere Frauen auch. Sie erzählt mir auch von einer Szene aus „Sex and the City“, in der Carrie und ihre Freundinnen in Abu Dhabi Urlaub machen. Die New Yorkerinnen finden die Araberinnen reichlich suspekt in ihren langen Schleiern und noch dazu natürlich überhaupt nicht fashionable. In einem der Schlüsselmomente jedoch, in einem Privatgemach, reißen sich die Damen aus dem Orient die Umhänge vom Leib. Darunter zum Vorschein kommen: Vuitton, Dior, Lanvin. Die Manhattan-Mädels sind erleichtert: Diese Frauen sind ja doch Menschen!

Dass solche Filme zur Mythen- und Klischeebildung beitragen, ist klar. Doch arabische Frauen hätten unter ihrem Schleier nicht nur das gleiche Moderepertoire wie Europäerinnen zu bieten, sie hätten es manchmal sogar leichter, gibt Léonie zu bedenken. Während in europäischen Kulturen die Oberbekleidung oft Imperative an die Unterwäsche formuliere – bei einer weißen Bluse soll nichts durchscheinen, bei dünnem Stoff dürfen die Nippel nicht sichtbar sein, beim Trägertop sollte der BH farblich passen – könne die verschleierte Frau tragen, was sie wolle. Eine paradoxale Auffassung von Freiheit zugegebenermaßen, wo die Kultur zwar nicht die Unterwäsche vorschreibt, aber eben die Oberbekleidung und damit die mögliche Wahlfreiheit in Dessousfragen zumindest für die Öffentlichkeit unsichtbar und irrelevant macht.

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1,6 Millionen Dollar kostet dieser Fantasy Bra von Victoria’s Secret im orientalischen Stil.

Doch dass für den privaten Rahmen der ganz große Auftritt gerade gut genug ist, bestätigt auch Léonie. Ihre Kundinnen hätten eine starke Vorliebe für feine Miederware zum Beispiel von Marlies Dekkers gehabt: „Dreiteiler aus Korsage, Höschen und Strapse wurden ganz stark nachgefragt, Tangas weniger.“ Das Exklusive habe in jedem Fall besser gefallen als die Massenware. „Witzigerweise haben Kundinnen in solchen Läden oft auch gleich nach passenden Schuhen zur Unterwäsche gefragt“, berichtet Léonie. Ein Konzept, das in Europa unbekannt wirkt, macht Sinn, wenn man bedenkt, dass sexy High-Heels genauso zur Palette der Verführung gehören können wie Dessous. Und dass gleichzeitig zeigt, wie alltäglich und wenig privat diese Verführung in Europa geworden in, wo Lack- und Lederstilettos in jeder besseren Fußgängerzone die Schaufenster zieren.

„Aber natürlich tragen nicht alle Spitze und Seide unten drunter“, gibt Léonie zu bedenken. In Marokko habe sie bei weniger wohlhabenden Frauen auch häufig gesehen, dass diese einfach einen Pyjama unter einem langen Mantel tragen. Oder wie auf den Grabbeltischen im Souk Synthetik-Unterwäsche in Hautfarbe verschleudert wird. Überhaupt besteht der grundlegende Unterschied weniger zwischen Europäerinnen und Araberinnen, findet Léonie, als vielmehr zwischen extrem reichen und eher armen Frauen. Eine Frau, die es sich finanziell leisten könne, folge genauso ihren täglichen Wünschen und Ansprüchen wie Frauen wahrscheinlich überall auf der Welt: An einem aufregenden Tag ziehe man sich vielleicht besonders schön an, an einem normalen Tag greife man zu den Basics. Und Männern gefallen wollten Frauen eben nicht nur in arabischen Edelgemächern. „Heißt das denn, dass solche Frauen Unterwäsche auch zu Hause genauso einkaufen können wie Europäerinnen?“, will ich wissen. Ich kann mir schlecht einen riesigen H&M-Store mit bügelweise BHs in Bonbonfarben in einem islamisch geprägten Land vorstellen. „Es gibt da natürlich spezielle Geschäfte“, erklärt Léonie. In den Emiraten zum Beispiel seien solche Boutiquen nach außen komplett mit schwarzen Vorhängen abgedunkelt und auch nicht videoüberwacht, sodass Kundinnen sich direkt im Laden entschleiern könnten. Eine persönliche Assistentin helfe dann bei Anprobe und Auswahl und die Frau verlasse den Laden wieder mit einer neutralen dunklen Tüte, die nicht auf deren Inhalt schließen lasse.

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Der Orient-Look ist in: Sonst würden die Topmodels Adriana Lima und Alessandra Ambrosio wohl nicht diese BHs und Geschmeide im Wert von Millionen Euro auf dem Laufsteg tragen.

Die neue Mittelschicht oder: Beate Uhse in Bahrain?

Doch diese Sitten scheinen sich zu ändern. Politikwissenschaftlerin und Reisebuchautorin Felicia Englmann schreibt in ihrer „Gebrauchsanweisung für Dubai und die Emirate“, dass neuerdings auch die Mittelschicht immer stärker die Shoppinglandschaft in den Emiraten präge. Diese verheimlicht den Unterwäschekauf nicht mehr, sondern erhebt ihn zum Statussymbol: „Es sind die praktischen Baumwollschlüpfer, die hinten in den Läden hängen oder in den Supermärkten im Zehnerpack angeboten werden, denn die zu kaufen ist in Dubai peinlich. Wer stolz ist, trägt eine Tüte aus den zahlreichen Lingerie-Boutiquen vor sich her.“ Mit diesem Wandel verbunden ist vor allem ein Name: Nayomi. Offensiv bietet die Marke Wäsche an, die für europäischen Geschmack eher in den Sexshop gehört als in den klassischen Wäscheladen und macht sich dabei zu Nutze, dass seit kurzem auch Frauen in arabischen Wäscheboutiquen arbeiten dürfen: Weibliche Kundschaft wird jetzt erst richtig angezogen. Gerne hätte ich von Nayomi erfahren, nach welchen Kriterien die tatsächlich ziemlich auffälligen Dessous designt werden. Wie eine typische Kundin aussieht und wie die Marke in islamisch geprägten Ländern Werbung macht. Doch leider scheint das Business so gut zu laufen, dass keine Zeit für Fragen bleibt. „Wir hatten eine unglaublich hektische Woche und schreiben dir aber so bald wie möglich zurück“, ist die einzige Antwort, mit der ich mich nach Wochen der Kontaktversuche und des Wartens zufriedengeben muss.

Es lässt sich aber leicht herausfinden, dass solche neuen, gewagteren Marken enorm vom Onlinehandel profitieren. Es ist wie mit Sextoys in Europa. Wer nicht gesehen werden will, kauft im Internet und kommt so noch dazu an Produkte vom anderen Ende der Welt. Die kanadische Marke „La Vie en Rose“ zum Beispiel suchte im Jahr 2005, als der nordamerikanische Markt erschöpft schien, nach neuen Expansionsmöglichkeiten. Muslimische Länder schienen ein schwieriges Terrain – für die Gestaltung von Werbung, Läden, Kollektionen. Doch die Nachfrage räumte diese Zweifel schnell aus. Mittlerweile macht „La Vie en Rose“ 10% seines Umsatzes auf der Arabischen Halbinsel. Auch in die andere Richtung zeichnet sich eine Öffnung des Marktes ab. Bestes Beispiel dafür: Abdelaziz Aouragh. Er ist Gründer des ersten erotischen Online-Shops für Muslime und bedient momentan vor allem den europäischen Markt mit Massageölen, Cremes und Duftkerzen. Doch seit er ein Joint-Venture mit Beate Uhse vereinbart hat, ist auch der arabische Markt auf die Agenda gerückt. Sofern man partnerschaftliche Erotik nicht mit anzüglichem Sexbusiness verwechsle, sagt Aouragh, sei es durchaus mit dem Islam vereinbar, seine Produkte auch an Orten wie Ägypten, Dubai und Abu Dhabi anzubieten. Er biete einen Zugang zu Erotik und Liebesleben, der auf dem europäischen Markt oft zu kurz komme. Nicht der Sex stehe im Vordergrund, sondern das sinnliche Genießen.

Modecity2014Der wundersame Veilkini

Doch wie kommt sowas in Europa an? Duftkerzen und Öle – schön und gut, die finden immer Absatz. Wie aber sieht es aus, wenn jemand eindeutig islamisch konnotierte Produkte zu vertreiben versucht? Das frage ich Mamoun Zater, auf den ich zum ersten Mal auf der Wäschemesse Mode City in Paris aufmerksam werde. Er ist Gründer von „Veilkini“, einer Firma, die Bademode für muslimische Frauen produziert. Seine Modelle ähneln von der Idee her dem „Burkini“, doch auf dieser wichtigsten europäischen Wäschemesse ist er der einzige Vertreter aus arabischen Ländern. Wie er auf die Idee zum Veilkini gekommen sei, will ich wissen. „Ich hatte einen kleinen Laden, in dem ich Badeanzüge verkauft habe. Eines Tages kommt ein junges Mädchen in den Laden und fragt mich, ob ich auch muslimische Bademode im Sortiment habe. Hatte ich nicht, aber ich antworte ihr: Passen Sie auf, kommen Sie in zwei Monaten wieder, dann hab ich was für Sie.“ Herr Zater fliegt nach Thailand zu Produzenten und überlegt sich schon mal einen Namen für sein Projekt. Er informiert sich genau über die Anforderungen an einen Hijab, den Schleier, den muslimische Mädchen ab der Pubertät in Anwesenheit von Männern anlegen sollen. Er testet Stoffe und Herstellungsverfahren und sucht nur neueste Technologie aus. Ein Schwimmanzug, der den ganzen Körper bedeckt, muss im Wasser federleicht sein, damit er nicht am Schwimmen hindert und an der Luft schnell trocknen, damit man nicht völlig aufweicht. Am Ende dauert es keine zwei Monate, sondern zwei Jahre. Doch der Veilkini ist geboren und Herr Zater verbucht laut eigenen Angaben mittlerweile jedes Jahr Umsatzzuwächse um die 100%. Farben, Blumenmuster und Design orientieren sich an europäischen Bikinis, doch der Veilkini bedeckt auch den Rest des Körpers: Von der Radler-Schwimmhose mit kurzem Kopftuch über Ganzkörperanzug mit Knöchelbedeckung sind sämtliche Formen und Längen erhältlich.

Ich rede über eine halbe Stunde mit Herrn Zater, für Messeverhältnisse ungewöhnlich lange, noch dazu, wenn im Trubel um einen herum überall eifrig Verhandlungen geführt, Modelle präsentiert, Stoffe befühlt und Verträge geschlossen werden. Keiner ist gekommen, um den Veilkini näher in Augenschein zu nehmen, keiner hat Herrn Zaters Box betreten, um nach Preisen und Lieferkonditionen zu fragen. Ich vermute, dass kein großes Interesse besteht am ungewöhnlichen Produkt aus dem Nischensegment. Vorsichtig spreche ich Herrn Zater auf seine Hoffnungen für den europäischen Markt an. „Sie werden sich wundern, aber die meisten Nachfragen kommen heute von Frauen aus Europa, den USA und Kanada. Die wollen einfach nicht vulgär aussehen und finden zum Beispiel, dass ein zehnjähriges Mädchen nicht unbedingt schon einen Bikini tragen muss. Viele haben aber auch Angst vor der UV-Strahlung und suchen nach sicheren Alternativen für den Strand.“

So überrascht ich war von der Vorliebe vollverschleierter Frauen für knappste Dessous, so überrascht bin ich jetzt von der anscheinend ziemlich großen Nachfrage westlicher Frauen nach Ganzkörperbedeckung. Die Klischees lösen sich ineinander auf, nähern sich einander an. Es stimmt, es gibt arabische Frauen, die in teurer Unterwäsche das Besondere suchen, das ihnen der öffentliche Einheitslook als Muslima verwehrt. Es stimmt aber auch, dass dieses Phänomen nur einen kleinen Teil der arabischen Gesellschaft betrifft, in der sich Modegeschmack und Konsumverhalten mittlerweile immer mehr nach westlichen Standards richten oder dort neu interpretiert werden. Die europäische Rezeption der arabischen Körperkultur bewegt sich hingegen zwischen zwei Polen: dem Klischee der geheimnisvollen, luxuriösen Sinnlichkeit einerseits und dem der Übernahme von Mode- oder Beautytendenzen aus gesundheitlichen Gründen. Sicher ist nur: Wo solche gesundheitlichen oder religiösen Motive und kulturelle Gepflogenheiten in Ost und West im gleichen Bedürfnis nach mehr oder weniger Stoff münden, schlägt die Stunde der Unternehmer. Sie verdienen, egal woher die Käuferinnen von Veilkini, Seidenshort oder Massageöl kommen. Diese Offenheit der Märkte für wechselseitige Einflüsse führt letztlich dazu, dass es immer weniger möglich ist, ein bestimmtes Kleidungsstück als „typisch europäisch“ oder „typisch arabisch“ zu benennen, nur weil es bestimmte Teile des Körpers bedeckt oder freilässt. Dabei geht es übrigens noch eine Spur extremer als beim Veilkini. Diesen Sommer machten Fotos die Runde, auf denen Frauen mit Gesichtsmasken aus elastischem Material zu sehen sind. Nur Augen und Mund sind bei diesen Anzügen durch schmale Öffnungen ausgespart, der Rest des Körpers von enger Synthetik umspannt. Fetischmode jetzt auch für den Alltagslook? Keineswegs. UV-sichere Bademode von Chinas Stränden.

Tags : BademodeBurkiniDessousKulturLingerieOrientTrend
Victoria

The author Victoria

Victoria ist das „international brain“ unter den DD-Autorinnen. Als studierte Kulturwissenschaftlerin schaut die Wahl-Pariserin immer wieder über den Tellerrand der Mode und Dessous hinaus. Sie stellt Fragen wie „Was tragen eigentlich arabische Frauen unter ihrer Burka?“ oder geht der Sache auf den Grund, warum Französinnen viel gewagtere Lingerie tragen als die deutsche Frauen. Sie streift aber durch Paris, um dort die besten Locations für Verliebte zu finden. Sehr gern portraitiert sie aber auch Stil-Ikonen wie Dita von Teese und hinterfragt, warum diese so beliebt sind. Victorias Artikel sind zwar nicht voll von Shoppingtipps, aber interessierte Leserinnen und Leser können eine Menge über die Rolle der Frau, Gesellschaftliches und Geschichtliches lernen und verstehen, warum ein kleines bisschen Stoff eine sehr große Bedeutung haben kann.

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