Wäsche in und aus Berlin: Designs mit Konzept

Clauida Kleinert vor Ihrer Dessousboutique Blush in Berlin

Berliner Labels haben einen prägnanten Stil – ob lala berlin, Reality Studio, Nix oder Hien Le. In ihrer modischen Aussage sind sie verschieden, haben aber den „Berlin-Charakter“. Und dieser ist lässig, ungezwungen, und auf eine luxuriöse, durchdachte Weise einfach und tragbar. Neben den vielen Modedesignern in der deutschen Hauptstadt gibt es auch einige Wäschemarken, die sich fernab vom Mainstream bewegen. Aber stehen Labels wie blush, fishbelly, november lingerie und wundervoll auch für den Berliner Stil?  Diese Frage lässt sich nach einem Blick hinter die Kulissen der Labels und auf ihre Kollektionen beantworten.

Bei blush, der Eigenmarke des Dessousgeschäfts von Claudia Kleinert, ist seit zehn Jahren eine klare Linie zu erkennen: Seide, Tüll und etwas Spitze verarbeitet zu Triangel-BHs undschmeichelnden Panties, Babydolls und Kimonos in soften Farbtönen ergeben einen feinen femininen Look. Stadtbekannt wurde das Label allerdings durch seine provokanten Werbekampagnen, die immer in Bezug zu aktuellen gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Geschehnissen stehen – wie zum Beispiel im Januar im Zuge der Polit-Affäre um Ex-Bundespräsident Christian Wulff.

Anzeigenmotiv von blush

Inspiriert von dem blush-Look ist die Jungdesignerin Imke Hille und ihr Newcomer-Label november lingerie, das seit knapp einem Jahr am Markt ist. Imke Hille hat bei Blush gearbeitet, bevor sie mit ihrer minimalistischen Seiden-Lingerie und Jersey-Homewear startete. Die dezente Erotik ihrer unverblümten, meist unifarbenen Kreationen in untypischen Wäschefarben (Gelb, Blau, Schlamm) spricht Frauen an, die sich mit allzu offenkundiger Sexyness nicht identifizieren können und beim Wäschekauf auf Qualität und nachhaltige Produktion achten. Die 28-jährige Designerin arbeitet darum ausschließlich mit Naturfasern aus Europa und lässt dort auch anfertigen.

Modell aus der aktuellen Kollektion von november lingerie

kurzer Overall von november lingerie

Nachhaltigkeit ist auch beim Berliner Label wundervoll von CEO Mathias Jaschke von Bedeutung. Als eine der ersten Wäschemarken überhaupt arbeitete wundervoll bei seinen futuristischen und progressiven Modellen, die an den Kultfilm Barbarella mit Jane Fonda erinnern, mit der Maisfaser Biophyl, die besonders weich und geschmeidig ist. Wundervoll gilt als Geheimtipp in der Wäschebranche, kleine Concept Stores und namhafte Dessousboutiquen verkaufen das Label – auch in Asien. Doch trotz der Vorreiterrolle und dem „Berlin Charakter“ gab Mathias Jaschke zu Ostern bekannt, dass wundervoll die Produktion aus wirtschaftlichen Gründen einstellt. Die aktuelle Sommerkollektion ist die letzte des Labels.

Modell aus der aktuellen und letzten wundervoll-Kollektion

Zwar hat die Berliner Wäscheszene mit wundervoll eine prägende Marke ihres modernen, zukunftsorientierten und eigenen Stils verloren, aber die potentiellen Nachfolger stehen schon in den Startlöchern. Drei ESMOD-Absolventinnen haben sich 2011 dazu entschieden, eigene Lingerie-Labels zu gründen. Eine von ihnen ist die 23-jährige Isabell Matschke. Sie hat sich bereits zu Beginn ihres Studiums auf Lingerie spezialisiert. Ihr Ziel ist es, „Funktionalität und Sinnlichkeit bei der Wäsche zu verbinden“. In Cannes auf der Messe Maredimoda-Intimodimoda erhielt sie für ihre Debutkollektion „Im Labyrinth der Träume“ den begehrten The Link Award. Isabell Matschkes Wäsche für das gleichnamige Label ist eine Verbindung sportiver Elementen, klarer Linienführung und dem Spiel mit breiten Bändern und Farbkontrasten. Dabei achtet sie auf qualitative Materialien wie Stretchseide und Öko-Mikrofaser.

Look von Jungdesignerin Isabel Matschke aus Berlin

Neu in der Branche ist auch Marie-Odile mit ihrem Label Mary Oh!. Sie näht zurzeit an ihrer ersten Kollektion, die aber dem Look ihrer Abschlussarbeit “Rock-Coco! Backstage with Marie-Antoinette” an der ESMOD treu bleibt. „Mary Oh! soll süß sein, aber auch frech; Wäsche für ein modernes Rockstar-Mädchen, das sich verträumt aber auch selbstbewusst gibt“, sagt die Designerin, die bei ihrer Kollektion die Frauen im Alter von 20 bis 30 im Blick hat, und ergänzt: „Mädels, die ein niedliches zur Lederjacke kombinieren, die Abenteuer suchen und weder Blümchen-BH noch Bombsell-Dessous mögen, mögen Mary Oh.“

Kreation von Mary Oh

Die Zukunft der Wäsche in Berlin ist also nicht ungewiss, sondern arbeitet fleißig an den ersten Entwürfen. Diese könnten dann in der Boutique Linierie in der Linienstraße in Mitte hängen. Von dem kleinen Lingerie-Geschäft mit Sixties-Interior abe ich Euch ja bereits schon berichtet. In der Linierie findet die Kundin keine roten Spitzen-Push-Ups oder Tangas mit Cut Outs. Die Inhaberinnen Sabine Kremke und Clara Brandenburg haben sich bewusst für Minimalismus und gegen die typischen Dessous-Klischees entschieden. „Wir reden lieber von Unterwäsche als von Reizwäsche“, sagen die beiden Frauen und erfreuen damit Kundinnen, die sich für Langleibigkeit, Wäsche aus Naturfasern, Baumwoll-Nachtwäsche und dezente Optik von Premiummarken wie Zimmerli und Hanro interessieren.

Der Gegensatz zur Linierie ist die Boutique von Très Bonjour in der Torstraße. Hier gibt es seit 2009 handgefertigte Latex-Lingerie & Accessoires von Viola Jäger und Sandra Dresp zu kaufen. Ihre recht zarten Kreationen erscheinen regelmäßig in Vogue, Elle und meinungsbildenden Modemagazinen. „Es war uns wichtig, das klischeebehaftete Material Latex aus der Fetisch-Ecke zu holen und in einen neuen eleganten Kontext zu bringen“, sagt Viola Jäger, die sich über die internationale Kundschaft in Berlin freut und auch schon Pop-Sängerin Kate Perry mit Très Bonjour eingekleidet hat.

Das Atelier von Très Bonjour in der Torstraße

Ihr Erfolg beweist, dass außergewöhnliche Konzepte in Berlin selbst eine Chance haben, aber auch über die Grenzen der Hauptstadt wahrgenommen werden und sich Fangemeinden aufbauen. Das ist besonders wichtig, wenn Deutschland von Franchise-Konzepten und vertikalen Wäscheanbietern bevölkert wird. Auf die Frage, ob bei der Wäsche von Berliner Labels und Designern der gleiche einprägende, typische Berlin-Style zu erkennen ist, gibt es keine klare Antwort: Ja.  Denn Wäsche aus Berlin ist mit Herz gemacht, durchdacht, etwas eigenwillig aber durchaus tragbar und dabei immer progressiv – egal ob Baumwoll-Schlüpfer oder Latex-Korsage.

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