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Die Geschichte der Dessous, Teil 1: Das Höschen. Wie aus mehr immer weniger wurde…

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Frau mit HöschenDie Geschichte der Dessous ist genauso spannend, wie die der Oberbekleidung. Denn auch die Dessous-Vorlieben und Stile haben sich während der Jahrzehnte verändert. Und wer könnte das besser wissen, als eine Lingerie-Designerin? Scarlett Großelanghorst, vom Dessouslabel Lost in wonderland aus Berlin,  schreibt hier von nun an regelmäßig über die Geschichte der Dessous und gewährt uns intime Einblicke hautnah. Teil 1: Das Höschen – wie aus mehr immer weniger wurde.

Text: Scarlett Großelanghorst

Wusstet ihr, dass der Begriff „Dessous“ in Bezug auf zierende Leibwäsche bis zum 19. Jahrhundert nicht wirklich existierte?Erst 1904 taucht der Begriff „Büstenhalter“ das erste Mal im ‚Larousse ’auf und erst 1907 findet der Begriff „Unterwäsche“, sprich „Dessous“ in den französischen Lexika Einzug. Die Geschichte der Dessous – so wie wir sie heute kennen – ist verglichen mit der Oberbekleidung eine recht kurze. Man könnte sagen, Dessous sind das jüngste Mitglied der Familie der regulären Bekleidung. Dennoch ist diese Geschichte, eben weil sich die Entwicklung binnen kürzester Zeit vollzog, voller Wandel, Irrtümer und Kuriositäten. Teil 1 der Serie „The Unmentionables – Auszüge aus der Geschichte der Dessous“ beschreibt die Entstehungsgeschichte des Höschens, beziehungsweise dessen langbeinigen Vorgängers.

 16. Jahrhundert: Von den Calecons zum Höschen

 Wir beginnen unsere Exkursion über die Höschen im 16. Jahrhundert. Das Wort “Dessous” existiert bereits. Es beschreibt ein „Kleidungsstück, das man unter anderen Kleidungsstücken trägt“, an Leibwäsche ist noch nicht zu denken. Frau trägt unter ihren voluminösen Röcken gemeinhin nichts. Wir erinnern uns an die Linie der weiblichen Medici vermutlich noch alle aus dem Geschichtsunterricht, oder? Ich möchte an dieser Stelle nochmal kurz einwerfen, dass die Damen sehr überzeugungsstark waren und ihre Position zu nutzen wussten.

So ist es nicht verwunderlich, dass Catarina de Medici, die nach ihrer Heirat mit Heinrich II. französische Königin wurde, mutig versuchte als erste Frau lange Unterhosen einzuführen: die sogenannten „Calecons“: lange Unterhosen, die zwischen den Beinen offen waren.  (Und um euch das mal bildlicher zu beschreiben: stellt euch einfach mal beige-weißliche einzelne, sackig-weite Hosenbeine vor, die in der Mitte tief ausgeschnitten sind und wirklich nur am Bund verbunden. Als Zierde gab es mit etwas Glück unten noch so etwas wie eine Stoffrüsche unten am Bein.)  Catarinas emanzipierter Trend war zu Hofe jedoch eher zeitig befristet und fasste bloß in einer „Branche“ von Beginn an dauerhaft Fuß: Bei den venezianischen Prostituierten. Lange Zeit wurde somit es wieder still um die Calecons.

17. Jahrhundert: Lange Unterhosen sind Pflicht

 „Der Mann hat die Hosen an, nicht die Frau.“

Erst 1730 wurde in Frankreich eine Pflichtverordnung erlassen, die den Tänzerinnen der Oper lange Unterhosen vorschrieb, damit wehende Röcke und beschwingte Tänze nicht zu viel entblößen können. Schließlich  gab es ja Zeiten, zu denen ein entblößter Knöchel schon zu großer Verzückung unter den Herren und noch größerer Abscheu in der Damenwelt führen konnte.  Die Problematik der Unterhosen bei Frauen war übrigens nicht nur eine Frage der Evolution der Bekleidung, sondern auch soziologisch begründet. Europa war patriarchalisch geprägt. Es galt der Satz „Der Mann hat die Hosen an, nicht die Frau.“ Unter diesem Aspekt war es gleich doppelt so schwer für das Kleidungsstück „lange Unterhose“ ihren Weg in die Schränke und die Körper der Frauen zu finden. Das Tragen langer Unterhosen – ja Unterhosen weiblicher Seits per se – war lange Zeit geächtet.

 Anfang des 19. Jahrhunderts: Es wird kürzer

Im zweiten Empire sprach man von den „Unentbehrlichen“ und im viktorianischen England sogar von den „Unaussprechlichen.“

In der ersten Hälfte es 19. Jahrhunderts nutzten zuerst die modebewussten „Merveilleuse“ nach der französischen Revolution lange Unterhosen, die nun „Pantalons“ oder „Pentalettes“ hießen, um sich in durchscheinenden Neo-Antiken Kleidern zu zeigen. Es ist (fast) überflüssig zu erwähnen, dass die koketten Damen damit  definitiv eine Minderheit darstellten. Aus praktischen Gründen fanden kurz darauf die Pentalons Einzug in die Schränke junger Mädchen. So verwendete man sie zum Beispiel „zur körperlichen Ertüchtigung im Freien“.  Dass dieses Kleidungsstück ungemein praktisch war, konnten auch die Frauen nun nicht mehr lange leugnen und so fanden die langen Unterhosen langsam ihren Weg unter die Röcke der Frauen, wie zum Beispiel zum Reisen, Reiten und besonders für den damaligen Trendsport Schlittenfahren waren sie ein regelrechter Segen. Selbstredend sprach man nicht von „Leibwäsche“ oder ähnlichem. Man sprach im zweiten Empire von den „Unentbehrlichen“ und im viktorianischen England sogar von den „Unaussprechlichen“. Selbstredend war die Wäsche in der Mitte noch offen.

„Die Damen, die keine Pantalons tragen, werden gebeten, das Bein nicht höher als bis zum Knie anzuheben.“ (Plakat zum Ball von Solférino, 11.08.1866)

 Ende des 19. Jahrhunderts: Die kurzen Unterhosen etablieren sich

Sollen sie in der Mitte verschlossen oder offen sein? Ja, dürfen Frauen sich den überhaupt dem Manne unzugänglich verschließen?!

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzten sich die Pantalons/Pentalettes komplett durch und wurden von Frauen jeden Alters getragen. Auf den vielen satirischen Zeichnungen über die nicht unbedingt immer Praktische Krinoline (ein glockenförmiger Unterrock) sieht man die Pentalettes übrigens immer recht gut. So sah man Damen, die der Wind unter ihren ausladend glockenförmigen Röcken empor trug oder schlicht und ergreifend umgeweht hatte.  Der Siegeszug der Pentalettes ist ebenfalls an Hand sozialer Anlässe nachzuverfolgen: „Die Damen, die keine Pantalons tragen, werden gebeten, das Bein nicht höher als bis zum Knie anzuheben.“ (Plakat zum Ball von Solférino, 11.08.1866). Hier einmal der durchschnittliche Wäscheaufbau der Damen um 1880: „Chemise“ in „Pantalons“, Korsett über dem Hemd, 1-2 Röcke, 1 Miederleibchen, Strümpfe über dem Knie mit Strumpfbändern, später mit Strumpfhaltern befestigt. Ein schönes Bild dazu ist „Nana“, gemalt 1877 von Eduard Manet.

Wir bleiben im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der Kampf um die soziale Akzeptanz der Pentalettes ist im vollen Gange. Sind sie mit Spitzen, Rüschen und Bändern geschmückt? Wie sieht denn diese Extraverpackung der Frau aus, die sich unter ihrem Rock verbirgt? Sollen sie in der Mitte verschlossen oder offen sein? Ja, dürfen Frauen sich den überhaupt dem Manne unzugänglich verschließen?! – Dieser sexuellen Dimorphismus sollten an dieser Stelle nicht unausgesprochen bleiben, denn schließlich war eine vollkommen verpackte, zwischen den Beinen regelrecht ‚verschlossene’ Frau etwas vollkommen Neues für die Herren der damaligen Zeit. Es ist logisch, dass nicht  jeder von dieser Idee begeistert war. Für manche Männer war es wohl einfach schon ein Stück zuviel der Emanzipation.

Wie dem auch sei, das Spiel mit Rüschen, Bändern und Spitzen, dem Frou Frou (das Rascheln der Röcke und Stoffschichten) heizte den männlichen Fantasien ein. Im Cahut, Cancan oder der Quadrille warfen die Tänzerinnen ihre Beine „bis zur Ehre“ in die Luft. Kein Wunder, dass da die männlichen Besucher große Augen machten und erhoffte einen Blick auf die Hosenschlitze zu werfen. Sei es denn um sich an Rüschen zu erfreuen oder um erkennen zu können, ob die nun offen oder verschlossen waren. Der Tanz entwickelte sich über provozierende Bewegungen des Bauches und Hüftschwünge bis hin zu frivolen Extremversionen weiter und prägt den Begriff des „Frou Frou“ nachhaltig.

„Sexuelle Perversion!“ – so klassifizierte die entstehende Sexualforschungdas Sammeln und Stehlen der Höschen, die manch ein Mann mürrisch als „Loch mit Spitzeneinfassung“ beschrieb.

Der Übergang des 19. ins 20. Jahrhunder: Unterhosen werden zum Alltagsartikel

Der Übergang des 19. ins 20. Jahrhundert ist – zumindest was die Entwicklung der Dessous betrifft – geprägt von hitzigen Diskussionen, ob die langen Höschen denn nun offen oder geschlossen sein sollen. Rund um diese Diskussion entwickelt sich das, was anfangs praktische Leibwäsche war, nun zu Dessous weiter. Die Unterhosen wurden im Rahmen der textilen Revolution und industriellen Konfektionierung nun gänzlich Konsumprodukt. Dort, wo man vorher noch verschüchtert kaufte und das Thema weiträumig mied, setzte nun eine Konsumwelle ein. Besonders für die Aussteuer an Wäsche richteten große französische Kaufhäuser ganze Abteilungsecken mit dem aufkeimenden Fetischobjekt ein. Die Zierbesätze wurden immer aufwändiger und hüllten das weibliche Geschlecht in ein wogendes Meer von Bändern, Spitzen, Einsätzen, Volants, Rosetten, raffende Hohlsäume und vielem mehr. Manch ein Mann und so manche Frau waren sogar so im Bann des neuen Bekleidungsstückes, dass sie es sammelten und teils stahlen. Alleine, weil der Anblick ihren Blutdruck steigen ließ und sie ein Prickeln durch das ergatterte Objekt empfanden. Die parallel entstehende Sexualforschung klassifizierte diese Delikte übrigens als „sexuelle Perversion“.  Der Fairness halber sei angemerkt, dass sich nicht jeder positiv über die Ausschmückung der Wäsche äußerte. Heutzutage sei eine Unterhose ein „Loch mit Spitzeneinfassung“ schrieb Pierre Dufay 1902 und klingt dabei weniger euphorisch. Noch im gleichen Jahr, in dem sich dieser Herr latent mürrisch über die modische Entwicklung der Höschen belustigte, entstand auch die erste Fachzeitschrift für Dessous.  Halbwissen & Moral machten es dem geschlossenen Höschen schwer: So richtig setzte es sich erst kurz vor dem ersten Weltkrieg durch.

1902 wurde auch von medizinischer Seite von den offenen Hosen abgeraten, da diese „Luft und zahlreiche darin enthaltene Mikroben eintreten lassen“. Das geschlossene Höschen konnte somit vollends seinen Siegeszug antreten. Natürlich brauchte diese modische Neuerung ein wenig, bis sie wirklich in die letzten Ecken der Länder vorgedrungen war. Zwischen Halbwissen, Hygiene, Medizin, Mode und Moral errang die geschlossene Hose erst kurz vor dem ersten Weltkrieg den Sieg und ebnet damit den Weg zu unserem Höschen, wie wir es heute kennen.

Bild aus der Ausstellung Lingerie francaise

Ja, liebes Höschen, du hattest es nicht leicht. Aber wir Lingerie-Ladies sind glücklich, dass es dich gibt und wir dir einen Teil unseres Lebens widmen können. Und vermutlich nicht nur wir. :)

Tags : DessousDessousgeschichteRetro-Dessous
Scarlett

The author Scarlett

Scarlett ist ein BH-Nerd. Sie weiß alles über Schnitttechniken und die Geschichte des BHs. Wer sie nachts aufweckt und eine beliebiges Jahreszahl in ihr Ohr flüstert, erfährt sofort alles über den damaligen Wäschestil. Als wandelndes Lexikon mit Hang zu Designerhandtaschen ist Scarlett zuständig für Nostalgie, Retro-Chic und auch Newcomerlabels aus Übersee. Weltoffen wie sie ist, kann auch mal ein Fetischlabel ihr Herz höher schlagen lassen und das kann sie natürlich nicht für sich behalten…

7 Comments

  1. Ein super toller und so informativer Artikel, super Idee! :)
    Interessant wäre auch zu wissen, aus welchen Büchern die Informationen stammen oder ob es einen schönen Buchtipp für interessierte gibt.

    Liebe Grüße :)

  2. Oh, ich habe mehrere Bücher hier. Obendrauf kommen dazu noch Ausstellungen, Recherche für einen Job, den ich mal letztes Jahr als Gastdozent hatte und ganz viel private Leidenschaft.

    Die meisten Dessousbücher lesen sich übrigens schrecklich zäh. ;)

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