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OLYMPUS DIGITAL CAMERAAutorin Jana ist unsere (S)expertin und will immer ganz genau wissen, was Sache ist. Darum ist sie kurzerhand selbst zu einem Bondage-Soiree gegangen, um zu verstehen, was Mister Grey und Anastasia Steele denn eigentlich so aneinander ähm fesselt…Wart ihr schon einmal auf einem Klassentreffen? Dieses mehr oder weniger heitere Aufeinandertreffen nach 5 bis 10 Jahren artet oftmals leider in bloßes Vergleichen der Hauptthemen wie Kinder, Beziehungstatus & Beruf aus. Nach der dritten Aneinanderreihung über „zwei Kinder, freischaffender Künstler/Ärztin/Feuerwehrmann, aber geschieden/verheiratet/es ist kompliziert“, nickt man nur noch mechanisch und lauscht den unterschiedlichen Lebenswegen. Und dann reißt dich plötzlich jemand aus deiner „Ahaaaaa das machst du jetzt also beruflich?“-Lethargie und erzählt dir, er hätte das Institut für sexuelle Bildung ins Leben gerufen.

Die gewiefte Leserin fragt sich nun natürlich berechtigterweise, ob es dafür ein duales Ausbildungssystem gäbe, mit welchem Titel man da wohl abschließen mag und wiiiie oft Sabine Wittmann diese Idee von einem aufgeschlossenen, freieren sexuellen Dasein wohl schon den Mitmenschen erklären musste. Doch auch wenn deine erste Reaktion auf ihre Beschreibungen eventuell ein Stirnrunzeln oder „Wie bitte?“ gewesen sein mag, ist Sabines Streben und ihre unerschöpflich wirkende Energie einem großen Thema gewidmet, welches nicht jedem Menschen gottgegeben ist. Sie hat es sich zum Auftrag gemacht, Menschen in den unterschiedlichsten Lebensphasen und Stationen ihres Daseins, Zärtlichkeit, Gefühl, Berührung, Körpersprache und sehr viel mehr näher zu bringen. Zum Glück lässt sich das Zwischenmenschliche nicht einfach nur in einzelne Schlagworte verpacken und deshalb möchte ich versuchen, unverstellt eine ihrer Veranstaltungen zu beschreiben, die natürlich gerade momentan zum Kinostart von Fifty Shades of Grey neugierig machen.

Zu Gast bei der Bondage-Soiree

Fangen wir doch am besten mit der Erwartung an. Was erwartet man von einem Bondage-Abend?

Vielleicht fachkundige Anleitung mit herrischen Passagen a la „Frau Müller, wenn ihr Partner diesen bläulichen Schimmer bekommt, ist das Seil zu fest!“ oder fachliche Leitung zum Seemannsknoten Marke Palstek und Tipps zum Auswählen eines Codewortes, wenn einer von beiden nicht mehr möchte oder etwas dunkles, etwas Schmutziges (obwohl das ja auch eine sehr subjektive Definitionssache ist)?
Weit gefehlt!

Die Zuschauerstühle sind in einem gesunden, intimen aber doch respektvollen Abstand um zwei Bastmatten aufgestellt. Das Licht ist gedimmt, Frau Wittmann stellt sich vor und beginnt mit einer kleinen Geschichte und einstimmenden sanften Worten. Manchmal rutschen ihre Ausführungen haarscharf an Buchinhalten á la „…und die holde Maid umschlang seine stählerne Lanze…“ vorbei, aber Geschmäcker sind ja verschieden. Die zwei Akteure beginnen auf der Bastmatte, langsam, gravitätisch mit der Fesselung. Kunstvoll, bedacht und was am erstaunlichsten ist: sehr zärtlich! Die ausgestrahlte Ruhe der Bewegung, die Stille des Raums, das Ausblenden der Zuschauer lässt die Zeit verstreichen und meine Gedanken schweifen, nehmen das Bild auf und bleiben auch an Banalitäten wie „Was macht sie, wenns jetzt am Po juckt?“ oder „Spürt sie ihre Finger überhaupt noch?“ hängen. Eine seltsam angenehme intime Stimmung hat den Raum gefangen genommen und ich kann sogar über die afrikanische Folkloremusik hinwegsehen, die ich anfangs als unpassend empfand. Das Model auf der Bastmatte wird von verschiedensten kunstvollen Verschnürungen geziert und gibt sich dem Moment und dem augenscheinlichen „ausgeliefert sein“ entspannt hin. Wie lange das Fesseln und Entfesseln im Endeffekt dauert, hätte ich ohne Uhr nicht einmal im Ansatz sagen können. Zeit folgt manchmal anderen Gesetzmäßigkeiten und so schrecke ich fast ein bisschen hoch, als die beiden „Protagonisten“ den Raum und die Bastmatte verlassen. Ich schaue unauffällig auf die Uhr. Was? Schon über eine Stunde um?

Die danach angestimmte Diskussionsrunde fördert verschiedenste Fragen zu Tage und holt das Publikum jeweils an verschiedenen Punkten und Verständnisfragen ab.

Aber was nehme ich an diesem Abend mit nach Hause?

  1. Den anderen mit Kabelbindern kunstvoll am Stuhl zu drapieren ist nicht wirklich Bondage.
  2. Zappzarapp, verschnürt, fertig! = TOTAL AM THEMA VORBEI!
  3. Die Seile waren bei der „Vorführung“ erstaunlich lang! (Wer bereits Probleme mit den eigenen Schnürsenkeln hat, beginnt vielleicht lieber erstmal langsam mit einer zärtlichen Handfesselung und nicht direkt mit einem Gesamtkunstwerk und 160m Strippe!)
  4. Bondage ist eine Welt für sich, kann nicht plump in eine Schublade einsortiert werden, ist eine wunderbare, subtile, nonverbale Art der Kommunikation mit 1000 Facetten und hat es verdient, aus dem oft verpassten „Schmuddelimage“ vieler Darstellungen herauszutreten.

Der Abend war definitiv schön, ein bisschen anders als erwartet (Ja, ja die Erwartungen), aber irgendwie auch inspirierend.

Video Youtube:

PS: Ich distanziere mich deutlich und ausdrücklich von der Anmoderation des geposteten Spiegel-TV-Beitrags. “Emanzipation war gestern” und ähnliche Aussagen sind traurig undifferenziert und sensationsheischend. Warum ich den Beitrag dennoch eingefügt habe? Weil die Aussagen und Meinungen der Anwesenden dennoch sehr schön und behutsam das “Grundwesen” des Bondage wiedergeben!

 

Habt Ihr Fragen oder Feedback?

Dann kontaktiert mich gerne unter jana@dessous-diary.com

 

Tags : BondageErotikFifty Shades of GreyReviewSelbstversuch
Jana Wagner

The author Jana Wagner

Jana aus Stuttgart ist ein Multitasking-Mädel. Sie ist Inhaberin der Dessousboutique Le Nené in Stuttgart, bloggt für Dessous Diary und ihr eigenes Blog Kurz vor 6, geht mit dem Hund Gassi, erzieht zwei süße Kinder und versorgt einen gestandenen Mann. Wenn sie das alles erledigt hat, steht nur noch eins auf ihrer To do-Liste: Ins Bett gehen. Aber nicht allein. Oftmals dabei sind die neusten Trend-Sextoys, die Jana für Dessous Diary sehr kritisch und sehr ehrlich bewertet. Schön reden gibt es bei Jana nicht! Ihre Reviews sind übrigens ein echtes Workout für die Lachmuskeln der Leser – selten war eindeutig zweideutig so charmant.

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