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‘Love’ – so heißt der neueste Kino-Skandal aus Frankreich. Gaspar Noé’s revolutionärer 3D-Streifen zum schönsten Thema der Welt hat einiges an Aufsehen erregt. Was an dem ganzen dran ist oder ob es doch einfach nur ein cooler – beziehungsweise heißer – Liebesfilm ist, hat unsere Autorin Britta für Euch ausfindig gemacht:

Photo: Kurz nach dem Kino-Besuch (Photo im Hintergrund: Gaspar Noé)

Lust und Liebe made in Frankreich
Schonmal vorab: Unbedingt anschauen!
Wir hatten Euch ja kürzlich Tickets zu ‘Magic Mike XXL’ verschenkt. Im Vergleich zu Hollywood verkauft sich Sex-Appeal in Frankreich natürlich ganz anders. Nämlich mit ungeschminkter Realität und ohne Scheu vor der Intimsphäre. Noé trifft somit genau ins Zentrum des menschlichen Lebens. Etwas, was bisher in Filmen zu kurz kommt. Der Thriller ‘In The Cut’ von Jane Campion hat ebenfalls eine verwandte Dringlichkeit und Intimität, die mir sehr gefällt.

britta-uschkamp-dessous-diary-love-gaspar-noe-3-72dpi3D-Brille (Photo im Hintergrund: Gaspar Noé)

Besonders ist bei ‘Love’ noch der 3D-Effekt, den man sonst von Action- oder Animations-Filmen her kennt. Die Geschichte wird vorwiegend als innerer Monolog der Hauptfigur, Murphy, erzählt. Man steht somit nicht als bloßer Voyeur da, sondern ist mittendrin, fühlt die intensiven Emotionen von Murphy den ganzen Film lang stark mit – und mit über 2 Stunden ist die Bandbreite der Gefühle groß. Von erregt über wütend, glücklich, melancholisch, nostalgisch, verliebt, verzweifelt, überglücklich, zutiefst traurig – alles ist dabei.

Neugierde
Zuerst war ich unentschloßen, weil ich nicht so genau wußte, was mich erwartet. Den Trailer kannte ich, ein Close-Up von zwei Frauen und einem Mann, viel intensives Geknutsche. Das reicht natürlich nicht als Information, um den Film zu verstehen. Wieviel Sex kann in zwei Stunden Film denn schon drin sein, da muß es doch noch mehr geben: Geschichte, Drama – Kino eben.

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Matinée
Sollte ich mir den Film nun alleine ansehen oder in Begleitung? Um jegliche unangenehme Situation zu vermeiden entscheide ich mich letztlich für eine späte Matinnée Vorstellung samstags morgens, alleine. Das Kino mitten in Paris ist zwar sehr groß, der Film wird aber in einem kleinen Saal gezeigt. Die erste Vorstellung um 9h15 besuchten nur eine handvoll Kinogänger. Bei mir sind es schon so um die 25. Der Saal ist gefühlt zu 40% voll. Ungefähr die Hälfte der Zuschauer sind einzelne Männer – und ich. Die andere Hälfte sind Pärchen.

Ich sitze in der letzten Reihe oben mittig rechts, mit Notizheft und Kugelschreiber bewappnet. Ah, natürlich auch mit 3D-Brille. Das hatte ich bisher nur einmal mitgemacht und fand es eher störend. Doch heute bin ich gespannt – zumal es den Film ausschließlich in 3D gibt und man mir gar keine Wahl lässt. Auch hoffe ich darauf, dass ich hier in dem dunklen Saal keine untugendhaften Geräusche zu hören bekomme – es sei denn, von der Leinwand!

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Frontal
Oha! Die erste Szene überspringt direkt jegliche Einleitung. Murphy und seine Freundin Electra sind unzensiert nackt und lieben sich gemütlich in einem unordentlichem Schlafzimmer. Körperteile, die sonst in Filmen gerne versteckt werden, stehen frontal im Mittelpunkt. Das bietet einen eindeutigen Rahmen für den Rest des Filmes und stellt sofort die Norm des visuellen Vokabulars klar. Alles sieht irgendwie schön und selbstverständlich aus. Haut-schmeichelndes Licht, gute Komposition, weiche Bewegungen – dabei denke ich mit einem Lächeln an das glückliche Gefühl des Verliebtsein.

Zu Dritt
Im Laufe ihrer Beziehung entschließen Murphy und Electra sich dazu, eine junge Nachbarin in ihr Bett einzuladen und somit eine gemeinsame Fantasie auszuleben. Als Murphy im Anschluß unüberlegt alleine mit der Nachbarin schläft, leitet er das sichere Ende seiner große Liebe zu Electra ein. Statt lustvoller Euphorie wird der Zuschauer nun mehr und mehr in ein 3D-Erlebnis von Verzweiflung und Schmerz hineingezogen. Eine spontane, falsche Entscheidung kann das Leben in eine komplett andere Richtung schicken kann. Liebe zu dritt ist sicher nicht so einfach und unkompliziert, wie die Fantasie es uns vorspielt. Das Dreieck kippt irgendwann aus der Balance und fällt um.

britta-uschkamp-dessous-diary-love-gaspar-noe-4-72dpiMurphy und Electra (Photo: Gaspar Noé)

The End
Der Trailer mit der Knutsch-Szene der drei Hauptdarsteller täuscht also etwas. Klar, wir bekommen mehr als genug expliziten Sex auf der Leinwand zu sehen. Eben das, wass man sich bei anderen Filmen sowieso vorstellt, wenn Held und Heldin endlich den ersten Kuß teilen und ein paar Sekunden später leider direkt zu eine andere Szene springt. Bei ‘Love’ geht es jeddoch nicht um Sex, sondern um den tragischen Verlauf einer intensiven Liebes-Geschichte, vom ersten Funken bis zum dramatischen Ende. Das ganze wird in Rückblende erzählt,  ähnlich dem Erzählstil, den Noé schon bei ‘Irreversible’ angewandt hat.

Die offene Darstellung von kompromissloser Menschlichkeit und sentimentaler Sexualität ist bei ‘Love’ eine Selbstverständlichkeit. Dies entspricht dem echten Leben, davon wünsche ich mir mehr im Kino!

Das Film-Team von ‘Love’ gab in Cannes 2015 eine sehr aufschlußreiche Presse-Konferenz.

Lust auf mehr?
Hier ein paar meiner Lieblings-Filme passend zum Thema, alle sehr verschieden, inspirierend, lehrreich:

‘Freier Fall’ (2013, Stephan Lacant)

‘Angels of Sex’ (2011, Xavier Villaverde)

‘The Dreamers’ (2003, Bernardo Bertolucci)

‘Threesome’ (1994, Andrew Flemming)

 

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Britta Uschkamp

The author Britta Uschkamp

Wer Britta erreichen will, muss sich schon mal etwas gedulden, denn es kann gut sein, dass die Wahl-Pariserin gerade mal wieder Marathon läuft. Dass ist für die Lingerie-Designerin Hobby und Arbeit in einem – denn sie testet dabei schließlich die neuen Sport-BHs, um Euch davon zu berichten. Und wenn Britta nicht gerade mit ihrem adidas Team in Montmartre durch Paris läuft oder wunderbare Dessous kreiert, designt sie Webseiten oder postet für ihre Instagram Kunden (Oui, auch für uns!). Sie liebt es, um die Welt zu laufen/reisen, steht auf gesundes Essen und schaut liebend gerne US TV-Serien. Zur Hompage von Britta

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